Sonntag, 21. Oktober 2007

Die Jahreszeiten des Lebens

Wie jeden Tag blättere ich durch die Zeitung und wie jeden Tag lese ich auch die Todesanzeigen. Heute ist auf dieser Seite eine Fotografie abgebildet. Sie zeigt eine kniende Statue mit gesenktem Kopf. In ihrem Arm liegen gelb, orange und rot gefärbte Blätter. Es ist Herbst. Die Tage werden kürzer, der Wind stürmischer, die Wolken grauer und der Regen beharrlicher. Keine Blüte ziert mehr die Wege. Kein Grün bedeckt den Wald. Vögel erheben sich in die Ferne. Tiere verkriechen sich in ihrem Bau. Es riecht nach Abschied. Die Jahreszeiten bestimmen den Lauf der Zeit: der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter. Jedes Jahr aufs Neue erfreuen sie unser Leben – unsere Zeit des Lebens.
Der Frühling ist die Zeit der Kindheit und der Jugend. Die Natur erblickt das Licht der Welt. Knospen sprießen. Die Blätter strahlen im leuchtenden Grün. Die Vögel kehren heim. Die Tiere erwachen aus ihrem tiefen Schlaf. Fließende Bäche entdecken die Welt.
Der Sommer leuchtet in voller Blüte. Ein sattes Grün und unzählig schöne Farben bestimmen das Bild. Die Vögel tanzen in den Lüften. Die Tiere spielen im Wald. Wärme und Licht erfüllen die Welt. Von allem ist reichlich da.
Im Herbst fliegen die Vögel fort. Die Tiere verfallen in einen tiefen Schlaf. Die Blumen ziehen sich zurück, und die Ernte wird eingefahren. Die Blätter fallen. Leise und sanft schweben sie dahin, werden welkt und bedecken die Erde. Abschied, es ist ein Abschied vom Leben.
Der Winter – was spielt der Winter im Lauf des Lebens für eine Rolle? Schneeflocken tanzen durch die Lüfte, und Kristalle glitzern im Sonnenschein. Eisblumen schmücken die Fenster und gläserne Zapfen zieren das Tannengrün. Ein strahlendes Weiß liegt wärmend auf der Erde. Die daheim gebliebenen Vögel picken gespendete Körner, und die nicht schlafenden Tiere genießen ihr Essen aus der Futterkrippe. Jedes Feuer und jeder Sonnenstrahl durchdringen die Herzen der Natur. Ein warmer Hauch umhüllt das Leben.
Das sind die Jahreszeiten im Lauf des Lebens: der Frühling, der Sommer, der Herbst und der Winter. Aber, so unterschiedlich sie auch sind, eines ist allen gleich: Immer leuchten uns die Sterne, der Mond und die Sonne.

© wortmeer

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Uta-Traveller - 21. Okt, 20:05

Du hast das Jahresrund gemalt mit deinen Worten. Besonders mag ich en letzten Satz:
Immer leuchten uns die Sterne, der Mond und die Sonne.

Beständigkeit im Wechsel
der Wechsel notwendig für das Leben
eine Aufgabe für jede Zeit

und der Winter?
auch eine Zeit des Ausruhens und Kraft schöpfens
denke ich

Einen guten Start in die neue Woche wünscht
Uta

wortmeer - 22. Okt, 22:41

Diesen Satz mag ich auch besonders. :-)

Ja, Beständigkeit im Wechsel, so wie das Leben, auf und ab...
Mamue - 22. Okt, 10:04

Hallo liebes wortmeer, :-)

wunderschöner Text.

Es ist ein Thema, was mich immer wieder beschäftigt und berührt. Die Jahreszeiten im Lauf des Lebens.
Der Herbst - Abschied vom Leben. Komisch eigentlich, dass ich den Herbst am liebsten mag. *grübel* Für mich bedeutet der Herbst mehr als ein Abschied. Ich finde den Sommer häufig anstrengend, weil ich die Hitze nicht so gut ertrage. Ich freue mich dann besonders auf den Anfang vom Herbst. Wenn der Himmel so blau und die Bätter so bunt leuchten, wenn ich die Natur genießen kann, ohne vor Hitze einzugehen. Das ist für mich der Herbst. Im Herbst leuchtet alles noch mal, bevor er in den Winter übergeht. Für eine kurze Zeit ist alles wunderschön bunt. Vielleicht ein letztes Aufblühen, bevor der Abschied naht?
Der Winter, was spielt er für eine Rolle... alles ist "tot". Ist es das wirklich? Nein, nicht wirklich. Bäume schöpfen neue Kraft für den nächsten Frühling, viele Tiere ruhen sich in der kalten Jahreszeit aus, um im Frühling wieder ihre Nase in die Luft zu strecken, einige Vögel ziehen für eine Weile in wärmere Gegenden, bis sie wiederkommen... alles bereitet sich auf einen neuen Frühling vor. Ich denke der Winter ist eine Zeit des Ausruhens, des Kraftschöpfens. Nichts ist wirklich tot. Entweder ruht es oder es ist für eine Weile woanders. Aber das Leben geht weiter, auch wenn man es nicht sieht.

Liebe nachdenkliche Grüße,
Martina

wortmeer - 22. Okt, 22:43

Den goldenen Herbst mag ich auch sehr. Aber die immer kürzer werdenden Tage machen ihn so früh dunkel... Ich mag besonders den Frühling. Alles erwacht aus der Dunkelheit. Elan fließt durch meine Adern.
wortmeer - 22. Okt, 22:57

Liebe Uta und liebe Martina,
ich Danke Euch für Eure Antwort, was der Winter für eine Rolle spielt.
Ihr weitet wieder meinen Blick :-)
Bereiten wir uns vor auf die Ruhe, auf das Innehalten, auf das Leben in uns selbst...
Liebe Grüße vom
wortmeer

Maartje - 23. Okt, 08:05

Liebes Wortmeer,

ein mich stark berührender Text. Ich bin verzaubert von Deinen Gedanken, die Du in wunderbarer Form niedergeschrieben hast. Die Vier Jahreszeiten! Wie wichtig sind sie für uns!
Ich bin, wie fast jeden Nachmittag, am Strand unterwegs. Ich erkunde meine neue Lebensumgebung und genieße es im Klang der Wellen, meine Gedanken schweifen zu lassen. So zum Beispiel habe ich mir auch überlegt, warum das Heimweh mir so zu schaffen macht. Es könnte an der Jahreszeit liegen. Herbst bedeutet Rückzug und nicht Aufbruch. Ich kann mir erinnern, als ich im Sommer das erste Mal in Wismar am Strand stand und wusste, dass ich hier leben werde...der Klang der Wellen, die Brise, das Lachen der Kinder am Strand, das Kreischen der Möwen, die Farbe des Meeres...in mir war Aufbruch und Freude, Lebensfreude. Alles war bunt und laut.
Der Herbst mag auch bunt sein, durch die Färbung der Blätter, doch ist er in seinem Herzen eher still und auf Rückzug bedacht, um sich auszuruhen.
Selbst der Winter bereitet Lebensfreude mit seinem hellen weißen Kleid und seinen Flocken, die mit unserem Lachen um die Wette tanzen, zumindest, wenn wir nicht mit Auto unterwegs sind. Doch am Fenster zu sitzen, zu lesen oder zu schreiben, während es draußen immer weißer wird und tanzenden Flocken zu sehen zu können, macht uns doch auch Freude. Aber Kälte, der Rückzug ins Warme, die Geborgenheit, die sucht man im Herbst und im Winter. Für Aufbruch, Verlangen und Neugier sind Frühling und Sommer geradezu perfekt!

Du hast die vier Jahreszeiten so wundervoll poetisch in Szene gesetzt und ich habe sie mit so viel Freude und Melancholie gelesen, dass ich Danke sagen möchte am frühen Dienstagmorgen. Ich werde heute spazierengehen, und Deinen Text im Herzen mitnehmen und an Dich denken.
Ich wünsche Dir einen schönen Herbsttag mit buntem Laub und sonnigem Himmel,
Maartje

wortmeer - 24. Okt, 18:44

Liebe Maartje, hab herzlichen Dank für Deine lieben Worte zu meinem Text! Sie freuen mich sehr! Wie war Dein Spaziergang gestern? (Ach, irgendwie beneide ich Dich um das Meeresrauschen.)
Der Herbst und der Winter sind wahrlich keine passenden Jahreszeiten, um aufzubrechen, um Neues zu wagen, um die nötige Energie in sich zu spüren. Diese Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Umso wichtiger ist es, sich sein Heim gemütlich zu machen, um sich darin zurück ziehen zu können. Umso wichtiger ist es, raus zu gehen, warm angezogen, die klare Luft in dieser Zeit zu atmen. Das gibt Energie. Ich bin mir sicher, dass Dir das Meer helfen wird.
Vielleicht ist es auch gut so, jetzt umgezogen zu sein. Die Ruhe der kalten Jahreszeiten gibt die Möglichkeit, sich auf die Veränderungen zu besinnen, inne zu halten, mit sich im intensiven Dialog zu sein, nicht abgelenkt vom Treiben in der Hochsaison am Strand.
Ich weiß, Abschied von der Heimat ist schwer, aber manchmal tut es auch gut. ...das erkennt man oft erst hinterher.
Laß Dich von den Wellen berauschen, liebe Maartje. Gib Dir Geduld und Zeit, bleibe zuversichtlich! Alles Liebe vom
wortmeer

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